Die Skulptur des Schambes Klappergässer auf der Alten Nahebrücke
Die von dem Künstler Horst Bartels geschaffene Figur zeigt den Kreuznacher Lebenskünstler Schambes aus der Klappergasse, die der Bad Kreuznacher Schriftsteller und Weltenbummler Karl Eugen Schmidt erdacht hat.

Der Künstler Horst Bartels - der Autor Karl Eugen Schmidt - die Romanfigur des echten Kreuznachers Schambes
Der Schambes Klappergässer – eine Romanfigur von Eugen Schmidt
An dem Eingang zur Klappergasse sitzt er auf einem Weinfass – der „Schambes Klappergässer“: das Schoppenglas in der Hand, als Wandersmann gerüstet, die Pfeife im Mund und offensichtlich bester Laune. Die Skulptur stellt die Kunstfigur aus der Erzählung der "Himmel- und Höllenfahrt“ eines waschechten Kreuznachers dar. Aber könnte die Gestalt nicht auch der Autor selbst sein: Karl Eugen Schmidt (31.3.1866 - 30.3.1953) – der selbst oft genug in Wanderstiefeln die Weld bereiste und dabei die Liebe zur Heimat nicht verlor?
Die Skulptur „Schambes Klapper Gässer“ hat der Künstler Horst Bartels (Jahrgang 1941) gestaltet. Sie wurde als Geschenk des Oeffentlichen Anzeigers an die Stadt am 24. Mai 1990 im Rahmen der Jubiläumsfeier „700 Jahre Verleihung der Stadtrechte“ eingeweiht und im Anfangsbereich der Klappergasse am Widerlager der Nahebrücke aufgestellt. Den Auftrag gerade dieser Romanfigur als „typischen“ feierlustigen, lebensfrohen und liebenswert eigensinnigen Kreuznacher darzustellen, erhielt Bartels vom Mittelrhein-Verlag (Lokalausgabe: Oeffentlicher Anzeiger). Ganz im Sinne des Auftrages „etwas für die Menschen“ zu schaffen, entwarf er eine Skulptur von Schmidts Schambes in sehr realistischer und anschaulicher Manier.
Das Ganze hatte eine Vorgeschichte: Karl Eugen Schmidt hatte 1895 die humorige Erzählung –„Leben und Taten des fürtrefflichen und gestrengen Hernn Schambes Klappergässer aus Kreuznach“ in der Wohllebenschen Buchdruckerei veröffentlicht und diese 1913 in Rom noch einmal mit dem griffigeren Titel „Schambes Klappergässer´s Himmel- und Höllenfahrt“ aufgelegt. Dieses schnurrige Stück Literatur entriss der Öffentliche Anzeiger 1981 der Vergessenheit und erarbeitete eine Neuauflage.
Richard Walter hatte in der Folgezeit einen Mundartwettbewerb des Oeffentlichen Anzeigers im Namen des Schambes initiiert. Dialekt ist schon der Vorname. Wird doch der Taufname Jean Baptiste zum „Schambes“ für die Gässjer mundartgerecht vereinfacht. So lag es wohl nahe, dass der „Schambes“ auch Thema des Beitrages des Mittelrhein-Verlages zum Stadtjubiläum sein würde, mit dem die Stadt die Anerkennung der sponheimischen Stadtgründung durch König Rudolf 1290 würdigte. Allerdings ist die umgewandelte Namensform von Jean Baptist im ganzen linksrheinischen Gebiet verbreitet, das zwischen 1798 und 1814 gehörte.

Karl Eugen Schmidt und sein Schambes
Die 128 Seiten starke Erzählung, deren Protagonist der Schambes ist, berichtet, wie das Kreuznacher Original dem fiktiven Autor nach dessen durchzechtem Abend zu mitternächtlicher Stunde als Geist erscheint, annähend so gekleidet, wie ihn Horst Bartels gestaltet hat, nur fehlt der Bart. Der Schambes erzählt, wie er nach seiner Lebenszeit ebenso wie andere Kreuznacher weder im Himmel eine neue Heimat noch in der Hölle ein Willkommen fand. Aus dem Himmel flüchtet Schambes auf den Jahrmarkt, dem wahren Himmel der Kreuznacher. In der Hölle bekommen die feierwütigen Kreuznacher vom Teufel ein eigenes Abteil zugewiesen, damit sie niemanden und schon gar nicht den Chef der Hölle weiter nerven. Und Schambes selbst erhält Freigang. Die Kreuznacher werden dabei als ebenso eigensinniges wie sauf- und rauflustiges Völkchen mit aufrichtiger und herzlicher Grobheit porträtiert, das weder auf Erden noch in Himmel und Hölle die Obrigkeiten so recht respektieren will. Ein wenig euphemistisch schrieb Richard Walter in seinem Vorwort 1981, Schmidt schildere „milieugerecht und fantasievoll Erfahrungen und Lebensphilosophie eines Kreuznacher Bürgers.“ Eigentlich ist die Liebeserklärung von Schmidt ein wenig zweideutig. Doch über alledem steht die Frage des Autors, der an seine Heimat Kreuznach zurückdenkt: „Wie kann man dieses Paradies verlassen?“
Er selbst, Eugen Schmidt, hatte, als er das Büchlein schrieb, auf einem Streifzug um den Globus die naheländischen Verhältnisse weit hinter sich gelassen. Er war in Kreuznach als Sohn eines Gerbereibesitzers aufgewachsen und besuchte bis zum 16. Lebensjahr das städtische Gymnasium. Der Tod der Eltern zwang ihn, die Schullaufbahn zu beenden und eine Seifensiederlehre anzutreten – und auch aus Erfahrungen mit diesem sozialen Umfeld dürfte seine Erzählung Nahrung bezogen haben. Bald strebte er in die weite Welt. England, Australien, die Samoa-Inseln, Spanien, Portugal, die USA waren längere und kürzere Stationen. Mal arbeitete er als Seifensieder, als Matrose, Metzger, Koch oder Fuhrmann, mal versuchte er sich als Goldgräber. Vor allem aber arbeitete er immer wieder als Journalist für verschiedene Zeitungen, veröffentlichte Reiseberichte, kunsthistorische Monografien und Essays. Dazu gehören „Ein Streifzug ins Goldland“, „Vive Monmatre“, „Cordoba und Grenada“, „Französische Malerei im 19. Jahrhundert“ und auch „ Deutschland und die Deutschen in der französischen Karikatur seit 1848“. Sein 1895 veröffentlichter Roman soll bereits 1890 bei einem Aufenthalt in der Heimatstadt entstanden sein. Man darf vermuten, dass er vielleicht auch die Frucht jener Art von Geselligkeiten war, wie der Text sie schilderte. Etliche Jahre lebte Schmidt in Paris – und hinterließ unter anderem das Essay „Pariser Typen“. Er war Pariser Korrespondent der Zeitung „Der Tag“, bis er nach Rom wechselte, wo er neue Wurzeln schlug, schließlich auch verstarb und 1953 seine letzte Ruhestätte auf dem protestantischen Friedhof an der Celsius-Pyramide fand. Gerade so wie der Kreuznacher Maler und Dichter Friedrich Müller, wurde ihm die Kunstmetropole am Tiber zu seiner neuen Heimat.
Horst Bartels und der Schambes
Aus der literarischen Gelegenheitsarbeit von Eugen Schmidt ließ Horst Bartels – Maler, Bildhauer und Designer - Handwerkskunst entstehen. Bartels ist gelernter Porzellan-Maler. Erlebnisse, die ihn prägten waren drei Jahre Weltreisen auf dem Luxus_Liner „T.S. Haneatic“. Von 1965 bis 2001 war er 36 Jahre Leiter des Designstudios und Chefdesigner bei Rastal Höhr-Grenzhausen – bekannt bis heute für innovatives Trinkglas und Dekordesign weltweit. Er erhielt für seine Kreationen bedeutende Auszeichnungen im In- und Ausland. Sechs Mal wurde er als einer der besten Hundert Designer der Welt ausgezeichnet. Zugleich betrieb er ein eigenes Atelier für freie und angewandte Kunst in Hilgert im Westerwald. Als der „Schambes“ entstand, wirkte Bartels als Dozent für Kunst und Design an der Fachschule im Keramischen Zentrum in Höhr-Grenzhausen. Die Gestaltung des Schambes fügt sich in eine Reihe mit anderen regionalen identitätsstiftenden Figuren. So entstand 1987 die Skulptur für Adolf Weiss, einem Westerwälder Bauern, der den Ruf „Hui Wäller“ erfand, den sich die ganze Landschaft zu eigen machte. Eine gleichzeitig entstandene Arbeit zeigt den legendären Eifeler Kesselflicker „Bläke Fritz“ in ähnlichem Stil. Auch diese Arbeiten zeigen Menschen „für die Menschen“. 2023 wurde Bartels für seine besonderen Verdienste vor allem im künstlerischen Bereich mit dem Verdienstkreuz am Bande, dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, ausgezeichnet.
Die Figur, die heute auf der Alten Nahebrücke den Passanten zulächelt, ist eine Bronzeguss der heute noch aktiven Kunst- und Glockengießerei Rincker in Sinn (Lahn-Dill-Kreis). Für den Guss wurde aus dem Schamott-Original des Künstlers eine Keramikummantelung hergestellt und für den Bronzeguss verwandt.
Als Standort fand man den Zugang zur Klappergasse - in der der Schambes seine Jugend verbrachte.
Lust auf Lektüre?
Hoffentlich verlockt er auch den einen oder anderen Betrachter dazu, die vergnügliche Erzählung zur Hand zu nehmen, die man beispielsweise in der Heimatwissenschaftlichen Bibliothek am Stama einsehen kann. Es gibt sie aber auch als Digitalisat online.